Der Kriegskunst ihre wahre Dimension erhalten

Eine Reflektion von Shihan Roland Habersetzer,
die seine guten Wünsche für das neue Jahr 2011 begleitet.

Auf diesem großen Kirmeß- oder Trödelmarkt, zu dem die "martialische Welt" geworden ist (die Versionen "Wettkampfsport" und "Kriegskunst" haben sich dabei fröhlich vermischt), möchte ich mich weiterhin auf eine einzige, bestimmende Frage konzentrieren, die, so sehe ich es, die Anstrengungen von all denen gerechtfertigt (tatsächlich handelt es sich um eine Art von Weg, die im Verschwinden begriffen ist... Aber wenn auch nur einer dabei bleibt.....), welche die Werte der Tradition immer noch hochhalten unter den widrigen Winden: es geht um die Zukunft der Kriegs-"Künste" in unserer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Diese Zukunft hängt von ihrem Nutzen und ihrer Effektivität ab, ob das nun innerlich von Einem selbst ist (die Einweihungsreise zur Entdeckung des Selbst) oder äußerlich von Einem selbst ist (das Zusammemntreffen mit anderen Menschen, was nicht immer mit Gewalt verbunden sein muß, wenn so etwas vermieden werden kann). Dieser doppelte Aspekt der Praxis der "Kriegskunst" unterscheidet Letzteren vom "Wettkampf-Sport", von Bewegungen, die einen kriegerischen Ursprung haben, die sich aber nur auf die äußerliche Wirksamkeit konzentrierten und auf einen Kontext, von dem man im Vornherein annahm, daß er zum Zusammenstoß mit dem Anderen führen würde. Wenn Sie mich hier lesen, dann wissen Sie gut, daß ich häufig die Gelegenheit nutzte, Sinn und Inhalt des Weges zu beschreiben, auf dem ich seit mehr als 53 Jahren der Praxis gehe und der für mich von Anfang an klar definiert war. Aber es kommt mir so vor, als würde man immer schneller abdriften, so daß es nicht überflüssig ist, zu mahnen... Es besteht die große Gefahr, die wahre Dimension der Kriegskunst nicht mehr zu sehen und nicht mehr zuzulassen, welche ganz einfach exklusiv ist und deren Inhalt sich auch weiterhin an jederman richten muß, sogar in einer Umgebung, die sich ändert (und das bedeutet nicht einfach zu leben und sich im Innneren von eng begrenzten Kreisen zu übermitteln… ). Und für einige heißt das auch, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, um so weiterzumachen, ohne sich Frage zu stellen und dabei geflissentlich zu übersehen, was sonst noch geschieht…

Denn heute geht es, seitdem die Gewalt brutal alles in der wirklichen Welt überwältigen kann, egal wen, egal wann, egal wo (d.h. außerhalb des geschützten Raumes des Dojo, wo man davon ausgehen kann, daß alle ethischen und moralischen Codices allgegenwärtig sind und respektiert werden), auf eine zugespitzte Weise darum, die Rolle, die eine authentische "Kriegskunst" spielen kann, gut zu definieren; dies vor allem dann, wenn man auf ein Problem der wirklichen Lebens antworten muß: welches Vertrauen kann man in die Antworten der wahren Kriegskunst haben, in ihre Tradition, die ihren Inhalt aus den alten geschichtlichen und traditionellen Wurzeln schöpft, gegenüber einer "absoluten Gewalt", die dabei ist, unsere Gesellschaft zu überfluten? Das ist nicht leicht. Aber von der Antwort könnte das Überleben dieser Art abhängen, so einfach ist das. Daher kann auch jede intelligente Analyse, die aus einem kritischen Geist hervorgeht, konstruktiv sein in der Ausarbeitung einer "neuen kriegerischen Ausgangssituation", die damit für die Praxis im Dojo nötig ist, damit sie glaubwürdig genug bleibt, um dem systematischen Abbau von all dem entgegenzuwirken, was ihre Identität ausmacht, durch all die modernen Kampfsysteme, die so schnell aus diesem Nährboden wachsen. Ich nenne das willentlich Shin-Budo ("neuer martialischer Weg") und schlage seit gut fünfzehn Jahren eine mögliche Version davon vor, die u.a. zweifellos hervorgeht aus der Einsicht (?) der Dringlichkeit des Vorgehens... Mein, unser (falls Sie sich mir im Verband "Centre de Recherche Budo - Institut Tengu" angeschlossen haben), "Tengu-Weg" (Tengu-no-michi), ist aus dieser Einsicht geboren. Er umfaßt drei Kompetenzbereiche (Tengu-ryu karatedo, Tengu-ryu kobudo und Tengu-ryu hojutsu), und hat diese kostbaren Schätze, nämlich die alten skrupulös von Generationen von Übenden weitergegebenen Erfahrungen sorgfältig bewahrt; er beinhaltet jedoch auch das Ergebnis des beständigen Hinterfragens, wie es aus der Beobachtung der heutigen Welt hervorgeht. Für jemanden, der nur der Tradition anhaftet, ist das bestimmt nicht leicht zu akzeptieren. Denn er denkt, daß er sie verrät, falls er das tut... Und doch ist es diese Entwicklung, welche die alte Kunst vor dem Desinteresse und vor dem Vergessen bewahren kann. Denn es ist eine Neuerung, keine Verleugnung. Besser noch: dieses Vorgehen ist sogar ein Bewahrer in der Geschichte der Kriegskünste. Man muß nur das noch mal lesen (aber sorgfältig...), was man vom Leben der einstigen Meister weiß...

Wenn die Kriegskünste, die wir lieben und die wir weitergeben wollen, überleben wollen, dann müssen wir sie vor Ort stark, engagiert, glaubwürdig lassen, ohne für uns und für andere etwas von ihren überlieferten Verständniscodes aufzugeben. Nur so werden sie ihre ursprüngliche Bedeutung bewahren. Und dazu für heute und morgen eine wirkliche Bedeutung: gewiß, Kampfbewegungen, die immer realistisch sind (Wirksamkeit), aber die gleichzeitig geprägt bleiben von einem Moralkodex (Kontrolle), der jedes Abweichen vermeidet. Damit die bloße Beschäftigung mit der Wirksamkeit nicht damit endet, daß eines Tages aus dem harten Erlernen der Techniken ... eine Schule der Gewalt gemacht wird! Ein Resultat, das offensichtlich genau im Widerspruch steht zu einem kriegerischen "Weg" (Do, Tao). Sogar beim Sinn muß man wachsam bleiben, so zum Beispiel beim modernen Karate-Kihon, das, wenn es ohne Geist ist, womöglich ... zur "Formatierung der Aggressivität" wird. Daher muß man jedes Amalgam völlig ablehnen: ein Wettkampfsport hat nichts bei einer Kriegskunst zu suchen. Oder nur wenig: nur ein Behälter ohne Inhalt … ein blasser Abglanz eines echten, doch verlorenen Schatzes… Man muß dafür sorgen, daß diese Konfusion eines Tages aufhört!

Ganz dringend muß man Distanz halten zu all den Verführungen, die aus dem Spiel, aus der Ästhetik, aus der Kunst, aus dem Kommerz kommen... Damit all diese Richtungen, die ganz gewiß möglich sind in einer Welt, wo alle Ausdrucksformen frei in einer gegenseitigen Toleranz koexistieren können, nicht damit enden, den Hauptgrund der Existenz der authentischen Künste der Tradition zu verfinstern: die Beschäftigung mit dem Äußeren UND mit dem Inneren des Selbst (von sich selbst)...
Die Kriegskunst wird nicht ohne Veränderung durch die nächsten Jahrzehnte kommen, und nur dann aufhören zu sterben, wenn sie sich die Mühe nimmt, gute Antworten auf die guten Fragen, die man ihr heute stellt, zu geben... Ich zweifle nicht daran, daß sie in sich immer noch etwas besitzt, was sie dazu fähig macht. Man muß nur darauf hören, was sie uns sagen kann. Aber schnell...

Indem ich Sie bei dieser Reflektion lasse,(1) und auf diesem Riesengebiet der Forschung, die jeden echten "Budoka" beschäftigt, und wo jedes "brainstorming" willkommen ist, möchte ich Ihnen ein wunderschönes neues Jahr 2011 wünschen! 
Das Allerbeste für Sie und Ihre Angehörigen. In Ihrem Alltag wie im Dojo: als echter "Budoka" macht das für Sie ja keinen Unterschied. Ohne sich zu schlagen, aber sich auch nie schlagen lassen.... Ohne das Scannen in alle Richtungen, von wo immer etwas Widriges kommen kann, zu vergessen. Nehmen sie die Haltung ... Tengu-no-kamae ein! (2) Passen Sie auch sich und die Ihrigen auf. Und auf alle, die Sie brauchen könnten. Damit jeder Tag von 2011 in allem, was Sie tun und in allem, wo Sie dabei sind, ein Sieg wird über das Gestrige (3).....

 

Auf baldiges Wiedersehen. Wie angekündigt, wird es im Laufe des neuen Jahres einige mögliche Zusammenkünfte geben!

                                                                                                                                                      Roland Habersetzer
                                                                                                                                                      (St-Nabor, im Dezember 2010)

(Vom Französichen übersetzt : Claudia von Collani, Würzburg)

(1) Diese Überlegung war das Thema eines Vorwortes, um das mich Jacques Hébert, Professor an der Ecole de travail social de l'Université von Québec in Montréal (Canada) gebeten hatte für ein Sammelwerk ("Arts martiaux, sports de combat et interventions psychosociales"), welches 2011 erscheinen wird. Ich habe gedacht, daß ich das auch hier mit Ihnen teilen könnte zu Beginng dieses neuen Jahres.
(2) "… die Kampfhaltung auch im täglichen Leben zu zeigen, und deine normale Haltung sollte immer die Kampfhaltung sein" (Miyamoto Musashi, Gorin no Sho, aus dem 2. Kapitel "Wasser").
(3) Ich nehme hier wieder etwas vom selben Miyamoto Musashi auf, dieses "Heute, das ist der Sieg über das, was gestern war" (selbes Kapitel, vorher).

 

Gemälde auf Seide von Suzuki Kiitsu (1796-1858,) Shinenkan Col.,USA

 

Kleine Logo Änderung, nur für diese Wünsche, von Jean Claude Bénis, Dento Budo Dojo !

 

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